Studientag Antisemitismus an der Theologischen Hochschule Reutlingen am 24.4.2021

Die Referent:innen: Pfarrer Jochen Maurer (o.m.), Sybille Hoffmann (m.m.), Hanna Veiler (o.r.), Ruth Bostedt (m.l.), Josef Herbasch (u.l.), Jörg Barthel (m.r.)
Die Moderatoren: Stefan Herb (u.r.), Christof Voigt (o.l.)
Screenshot: Wilfried Röcker

Unheimliches Grundrauschen

Ein Studientag Antisemitismus fand am 24. April auf Einladung der Theologischen Hochschule Reutlingen (THR), des Ausschusses für ökumenische Beziehungen (AöBiD) der Süddeutschen Jährlichen Konferenz und des Bildungswerks der Evangelisch-methodistischen Kirche statt. 60 Personen aus Deutschland und der Schweiz waren den ganzen Tag über beim Online-Angebot dabei.

Antisemitismus – das ist kein Phänomen, das auf rechten oder linken Extremismus oder auf Verschwörungsanfällige beschränkt ist. Denn es gibt ein „antisemitisches Grundrauschen“ in unserer Gesellschaft. Man muss nicht einmal jüdisch sein, um Ziel von Antisemitismus zu werden, wie das Graffito „Merkel ist Jüdin“ gegenüber einer Stuttgarter Kirche vom April 2020 beweist. Was aber ist genau Antisemitismus, wo begegnet er im Alltag und was lässt sich dagegen tun? Zu diesen Fragen gab es Vorträge, Workshops und eine Podiumsdiskussion.

Zunächst erklärte Jochen Maurer, Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden von der Württembergischen Landeskirche, was man unter Antisemitismus versteht. Der Begriff vom Ende des 19. Jahrhunderts steht von Anfang an für Judenfeindlichkeit. Fast 2000 Jahre lang äußerte diese sich als „Antijudaismus“, einer aus christlicher Motivation begründeten Feindschaft gegenüber Juden. Dieser Antijudaismus, der auch im Neuen Testament zu finden ist, wird zur Basis eines modernen, säkularen Antisemitismus, einer seit dem 19. Jahrhundert nationalistisch und rassistisch begründeten Judenfeindschaft.

Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) definiert Antisemitismus als „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.“

Was lässt sich dagegen tun, wie damit umgehen? Jedes Wir beginnt mit mir (www.jedeswir.de)! Wo sind meine eigenen blinden Flecken? Wo nutzen wir selbst unreflektiert antisemitische Stereotypen und Argumentationsmuster? Die Verachtung der Juden hat eine lange Geschichte auch in der Kirche und der christlichen Kunst. Deren Prägekraft sollte nicht unterschätzt werden.

Trotz des Sabbats gaben zwei jüdische Studentinnen "Einblicke in Jüdisches Leben in Deutschland heute": Hannah Veiler, Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion Württemberg und neuerdings deren Vizepräsidentin auf Bundesebene, und Ruth Bostedt, Vizepräsidentin des Bundes Jüdischer Studierender Baden. Sie zeigten nach einer kurzen Teilnehmerumfrage zum Thema Judentum einen Ausschnitt aus dem empfehlenswerten Film „Masel Tov Cocktail“, der verbreitete Klischees kraftvoll durcheinanderwirbelt. Dann präsentierten die beiden verschiedene Organisationen, die die Vielfalt und Buntheit jüdischen Lebens deutlich machen: „Meet a Jew“, „SCHALOM-ALEIKUM“ für einen jüdisch-muslimischen Dialog, "stop.antisemitismus.de", die Beratungsstelle "ofek" für von antisemitischen Vorfällen Betroffene, "Keshet" für jüdische Queers, die Jüdische Studierendenunion, aber auch den weltweiten Sportbund Makkabi und vieles mehr. Den beiden Studentinnen ging es darum, dem oft allein durch die Shoa geprägten düsteren Bild ein positives Selbstbild entgegenzusetzen. Die junge Generation beteiligt sich aktiv an der Gegenwartsgesellschaft. „Unsere Koffer sind ausgepackt, wir fühlen uns deutsch oder europäisch“, sagen sie. Ein erhellender, sympathischer und mutmachender Einblick!

Einen weiteren Vortrag hielt Sybille Hoffmann. Sie ist als Lehrerin tätig im Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung sowie an der Landeszentrale für politische Bildung und sitzt im Beraterkreis des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. Ihr Thema: „Was tun gegen Alltags-Antisemitismus heute: Reflexionshilfen und Handlungsimpulse“.

Hoffmann berichtete, wie in Schulen das „Nie wieder“ pädagogisch und präventiv reflektiert wird. Dabei komme es durchaus vor, dass Alltagsantisemitismus auch von Pädagog:innen kleingeredet oder zu etwas erklärt werde, was „damals“ und "durch Andere“ passierte. Er beginne jedoch genau mit der Konstruktion von Gruppen als „den Anderen“. Vieles, was so gesagt wird, sei noch nicht antisemitisch, aber es frage sich: „Fängt es hiermit an?“. Antisemitisch sind die Verwendung von Stereotypen (z.B. die Zuschreibung von Einfluss, Macht oder Reichtum) oder die Dämonisierung des Staates Israel. Damit werden für höchst komplexe Probleme allzu einfache Antworten gegeben und bestimmten Menschen wird Schuld zugeschrieben. In diesem Sinn definiert Samuel Salzborn Antisemitismus als „die Unfähigkeit, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen“.

Antisemitismus ist keine „Meinung“, kein interreligiöser oder interkultureller Konflikt, sondern oft eine Straftat! Deshalb ist Elie Wiesel zuzustimmen: „Neutralität hilft dem Unterdrücker, nie dem Opfer! Stillschweigen bestärkt den Peiniger, nie den Gepeinigten!“ Da der Antisemitismus von Nichtjuden oft gar nicht bemerkt wird, sollte man als nichtjüdischer Mitmensch die Perspektive wechseln (wie würde es sich anfühlen, wenn Gottesdienste nur unter Polizeischutz möglich wären?), ihn erkennen, benennen und dann handeln.

Nach einer Mittagspause schlossen sich drei Workshops an. Im Workshop von Sybille Hoffmann wünschten sich einige Teilnehmer:innen mehr Begegnungen mit jüdischen Bürgern in ihrem Alltag. Andere berichteten von Begegnungen im Kindergarten ("Mein Papa mag Israel nicht"), im Jugendhaus (wo „Du Jude“ als Schimpfwort zu hören ist) oder überall, wo unbedachte Klischees verwendet werden.
Im Workshop des Politik- und Religionswissenschaftlers Josef Herbasch ging es um die strittige Unterscheidung von Israelkritik und Antisemitismus. Legitime Kritik am Staat Israel ist von ideologisch veranlasster Kritik zu unterscheiden. Als hochproblematisch erwies sich der Vorwurf der Apartheid. Offen blieb die Frage, warum in westlichen Ländern offensichtlich ein Bedürfnis besteht, ausgerechnet Israel kritisieren zu wollen.

Ein Workshop zur Perspektive von Theologie und Kirche durfte nicht fehlen. Der Reutlinger Alttestamentler Prof. Dr. Jörg Barthel konzentrierte sich in seinem Workshop auf die Frage nach dem Antisemitismus in der Bibelauslegung. Über Jahrhunderte hat Antisemitismus die Bibelauslegung geprägt. Das ändert sich seit einigen Jahrzehnten erfreulicherweise, diese Entwicklung ist aber noch beendet.
In der abschließenden Runde der Referent:innen wurden noch einmal verschiedene Facetten des Themas entfaltet: Von der geforderten Umbenennung der Tübinger Eberhard-Karls-Universität bis zur umstrittenen „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ bleiben Fragen offen. Das Thema wird und muss alle weiter beschäftigen, eine Fortsetzung der Diskussionen ist nötig und dringend gewünscht!
Der Studientag wurde gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart.

Dr. Ulrike Voigt