»Ihr macht das schon«

Notizen zu einem herausfordernden Thema

Die Headline überrascht? Sie erinnert an das „Wir schaffen das“ aus dem Jahre 2015? Das ist nicht ganz ungewollt, denn diese Ermutigung bezieht sich auf die Fragen zu den Themen Integration und Leben in einer offenen Gesellschaft. „Zusammenbleiben ist schwer, aber Ihr macht das schon!“ – So endet ein bemerkenswerter Youtube-Clip des Rappers Eko Fresh. In seinem Song „Aber“ werden wir Zeugen einer Auseinandersetzung, bei der man fürchtet, dass sich die zwei Kontrahenten gleich an die Gurgel gehen. Doch am Ende kommt es zu einer erstaunlichen Wendung. Wenn Sie die Möglichkeit haben, schauen Sie sich diesen Song an.

Im Sommer habe ich diesen Rap entdeckt. Ich war in dieser Zeit zur Weiterbildung in England unterwegs. Mir hat dieser Rap so sehr imponiert, dass dieser letzte Satz seines Raps zur Überschrift meiner Arbeit wurde.

Woran liegt es, dass wir uns manchmal so schlecht verstehen, dass wir so gereizt reagieren und nicht mehr miteinander reden können? Die Frage „wer hat recht?“ wird scheinbar zu einem Kampf auf Leben und Tod, um Sieg oder Niederlage. Dieses Phänomen lässt sich nicht nur in Gemeinden beobachten, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, sondern insgesamt in unserer Gesellschaft. Gibt es eine Lösung? Ist Trennung der einzige Weg, um noch Schlimmeres zu verhindern?

Nein – meint der Liedermacher Eko Fresh und fordert seine Kontrahenten auf, zusammen zu bleiben, sich miteinander auseinanderzusetzen, sich auszuhalten. „Wir sollten Streit als ein gutes Zeichen dafür verstehen, dass eine Gruppe noch zusammen ist“, erklärt der Soziologe Aladin El-Mafaalani. Wer meint, zu einer funktionierenden Gemeinschaft gehöre vor allem ein friedliches Miteinander, der irrt. Es ist in einer Gruppe wichtig, dass unterschiedliche Meinungen diskutiert werden. Es ist ein Zeichen dafür, dass eine Gruppe noch zusammen ist, wenn unterschiedliche Meinungen Platz haben.  
Gut, wenn Menschen es wagen, mit ihrer Meinung nicht länger hinterm Berg zu halten. Besser, als wenn sie sich still und leise aus der Gruppe verabschieden. Natürlich bemühen wir uns darum, solche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Doch „Deckel drauf“ erhöht lediglich den Druck und irgendwann eskaliert ein Konflikt.

Es ist darum wichtig, schon vorher eine gute Streitkultur einzuüben. Die Bereitschaft zur Selbstkritik ist dabei wesentlich: liege ich mit meiner Meinung richtig, oder könnte ich mich vielleicht irren? Wir sollten uns solche Fragen stellen. Es ist durchaus möglich, dass wir uns irren. Unser Gehirn macht nämlich in seiner gezwungenermaßen blitzschnellen Wahrnehmung und Einordnung von tausenden von Signalen in einem einzigen Augenblick auch Fehler. Ganz unbewusst. So hat jede und jeder von uns unbewusste Voreingenommenheiten. Wir sind deswegen nicht immer offen für Andere und deren Meinung. „Kann es sein, dass eine Situation gar nicht so schlimm ist, wie ich sie einschätze?“ Das ist eine wichtige Frage. Sie hilft uns, bei anderen nachzufragen, statt lediglich die eigene Meinung zu bekräftigen. Wie bist Du zu Deiner Meinung gekommen? In welchen Zusammenhängen steht sie mit Deinen Erfahrungen, Ängsten, Erwartungen, Hoffnungen, Träumen etc.? Wenn wir als Gemeinschaft lernen, eine solche Kultur des Fragens zu entwickeln, sind wir einen großen Schritt vorangegangen. Üben wir in „konfliktarmen“ Zeiten, damit wir dieses Instrumentarium in Auseinandersetzungen nutzen können.

Was aber, wenn sich Meinungsunterschiede nicht auflösen lassen? Gibt es eine andere Lösung, als dass sie derart an Gewicht bekommen, dass am Ende alles zerbricht und nur ein Scherbenhaufen übrigbleibt?

Der Theologe David N. Field befasst sich in seinem Buch „ZU LIEBEN sind wir da – der methodistische Weg, Kirche zu sein“ unter anderem mit dieser Frage. Ein wirklich lesenswertes Buch. Es beinhaltet zu jedem Kapitel auch Fragen, die z.B. in einem Hauskreis miteinander besprochen werden können.
In meiner Weiterbildungszeit hat mir zu dieser Frage ein Buch des Theologen Miroslav Volf sehr weitergeholfen. Sein Buch „Zusammenwachsen, Globalisierung braucht Religion“ befasst er sich zwar mit der Frage, wie die Weltreligionen mit ihrem je eigenen Absolutheitsanspruch zusammenleben können. Aber es ist dieselbe Frage, wie wir sie in der EmK stellen, lediglich auf einer anderen Ebene: Was machen wir mit unterschiedlichen Meinungen, die jede für sich den Anspruch auf Gültigkeit haben?

Für gewöhnlich lesen wir an solchen Stellen von Toleranz. Volf ist das aber zu wenig. Toleranz übe ich, wenn ich keine andere Möglichkeit habe. Aber ich ertrage dabei etwas, was mir eigentlich zuwider ist. Darum werde ich auch jede Möglichkeit nutzen, um daran etwas zu ändern. So bleibt der Konflikt immer am Schwelen. Volf schreibt in seinem Buch darum von „Respekt“. Respekt entsteht dort, wo ich die Ernsthaftigkeit der Meinung und die Person so sehr achte, dass ich ein Verständnis dafür entwickle, warum einer anderen Person ihre Position so wichtig ist. Auch wenn ich diese Meinung nicht teile. Respekt sagt: wir gehören zusammen. Trotz der Unterschiede. Du bist mir wichtig, auch wenn ich etwas völlig anders sehe. Ich bewundere Deine Ernsthaftigkeit. Wir brauchen solchen Respekt, um auch in kontroversen Positionen zusammenbleiben zu können.

Das klingt alles doch sehr theoretisch, meinen Sie? Da haben Sie recht. Solcher Respekt ist nicht auf Befehl da. Solcher Respekt braucht Zeit zur Begegnung. Er braucht gute Erfahrungen. Zeit, um sich kennen zu lernen und Zeit um Zusammenzuwachsen. Respekt fällt nicht vom Himmel. Ihn zu gewinnen, ist meines Erachtens eine zutiefst geistliche Aufgabe in der Gemeinde. Dort, wo wir gemeinsam vor Gott stehen und unsere Unterschiedlichkeit unter den Horizont seiner Liebe zu uns stellen, können wir zusammenbleiben, auch wenn es in der Gemeinde große Meinungsunterschiede gibt.

Manche sorgen sich derzeit, dass unsere Kirche auseinanderbrechen könnte. „Ihr macht das schon“- diese Worte könnte der Rapper Eko Fresh auch uns zusingen. Ich teile seine Meinung. Trennung ist nach meiner Meinung keine Lösung. Zusammenbleiben ist schwer, aber wir machen das schon!

Wilfried Röcker

Informationen / Materialien

YouTube

Eko Fresh - Aber


Ihr macht das schon!

Zuversichtlich leben in konfliktreichen Zeiten
Ergebnis der Weiterbildungszeit von Pastor Wilfried Röcker, Leiter ZK-Bildungswerk

Donwload - (PDF|11 MB)


Informationen zu den Fachtagen

Hannover, 17. November 2018
Stuttgart, 12. Januar 2019

Info und Anmeldung

Lesenswerte Bücher

David N. Field
Zu lieben sind wir da, Der Methodistische Weg, Kirche zu sien

ISBN 978-3-374-05857-0 (erscheint im November 2018)

 

Aladin El-Mafaalani
Das Integrationsparadox, Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt

Spiegel Bestseller ISBN 978-3-462-05164-3

 

Mazzarin R. Banaji / Anthony G. Greenwald
Vorurteile, Wie unser Verhalten unbewusst gesteuert wird und was wir dagegen tun können

dtv Premium, ISBN 978-3-423-26071-8

 

Miroslav Volf
Zusammen wachsen, Globalisierung braucht Religion

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08679-8